Aus der Praxis

Jugendsozialarbeit an einem besonderen Ort

Im Herbst 2015 wurde der Hamburger Hauptbahnhof, wie andere deutsche Bahnhöfe auch, für viele geflüchtete Menschen zur Transitstation. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Thalia Theaters und des Modellprojekts jmd2start sowie weitere Partner überlegten, welches Angebot fehlte. Eine weitere Schlafstation – eine Informationsstelle? Jmd2start-Mitarbeiterin  Lea Markard (CJD Hamburg) riet zur Langfristigkeit: „Was wir brauchten, war ein offener Raum für Begegnung mit Einheimischen, aber auch für regelmäßige Angebote, z.B. Sprachkurse.“ Dafür wollten sie aber nicht eine der Unterkünfte nutzen, sondern einen neuen, neutralen Ort.

Gesprächsrunden in der Embassy of Hope, Foto: Fabian Hammerl

 

Botschaft und Hoffnung

Das Thalia Theater – ein langjähriger Kooperationspartner des Jugendmigrationsdienstes (JMD) – öffnet seitdem sein Foyer in der Gaußstraße mittwochs bis samstags von 15 bis 19 Uhr für das internationale Café. Bereits vor dem Eingang treffen sich neue und alte Bekannte. Im Inneren diskutieren die Gäste an vielen runden Tischen, auch viele einheimische Hamburger und Hamburgerinnen sind da. Zwei junge Männer spielen Tischtennis. Es gibt Tee und Kaffee gratis – und vielleicht noch wichtiger: W-LAN.

Die „Embassy of Hope“ – Botschaft der Hoffnung ist für viele der bis zu 70 Menschen, die täglich hier herkommen, ein zentraler Ort ihres Alltags geworden. Vor allem Flüchtlinge aus zwei großen Aufnahmeeinrichtungen in der Nähe besuchen die Embassy regelmäßig. Mit der Zeit und ihrem Leben in Deutschland verändern sich auch ihre Fragen und Gesprächsthemen.  Es geht nicht mehr um erste Orientierung; die jungen Menschen suchen vorrangig Praktika, Jobs oder wünschen sich Hilfe bei der beruflichen Qualifizierung.

Eine offene Atmosphäre

Die jmd2start-Beraterinnen haben im Foyer des Theaters ihr mobiles Büro eingerichtet. Die wichtigsten Vordrucke und Infoblätter sind  in einem Ordner immer dabei. „Die Atmosphäre ist offen und locker, so dass wir schnell ins Gespräch kommen.“, berichtet jmd2start-Mitarbeiterin Svenja Heinrich. „Auch kritische Themen wie Vorurteile und Konflikte zwischen Gruppen aus verschiedenen Regionen oder Herkunftsländern sprechen die jungen Menschen an.“ Sollte sich im Verlauf des Gesprächs herausstellen, dass es um sensible Frage geht, können sich die Beraterinnen und Ratsuchenden in eine ruhige Ecke des Foyers zurückziehen oder sie bieten ein Gespräch im JMD-Büro des CJD Hamburg an. Generell lebt der Raum von seiner Offenheit und dem einfachen Zugang für alle. Niemand wird ausgegrenzt, egal welcher Aufenthaltstitel, egal aus welchem Land.

Sprachunterricht und mehr

Jeden Mittwoch koordinieren die jmd2start-Mitarbeiterinnen ein Sprachangebot für junge Menschen, die sonst keine Möglichkeit zum Spracherwerb haben. Nach dem Unterricht ist Zeit über Privates, über Probleme und Wünsche zu sprechen.

Einer der Schüler ist Samir*. Er ist 19 Jahre und stammt aus Afghanistan. „Ich freue mich, in Deutschland zu sein – aber es gibt auch hier Diskriminierung. Ich habe zuvor im Iran gelebt – da wurde ich als Afghane als Bürger zweiter Klasse behandelt. In Deutschland erfahre ich das leider auch. Offiziell gibt es keinen Sprachkurs für mich, weil ich nur eine Aufenthaltsgestattung habe. Das macht mich traurig.“ In den letzten Wochen ging es Samir gesundheitlich schlechter. Er klagte über Kopfschmerzen und Müdigkeit. Das jmd2start-Team überlegte nach Möglichkeiten, wie er wieder Energie gewinnen könnte.

Im Sommer konnte Samir dann an einem Jugendaustausch mit 60 Personen auf Sylt und in Hamburg teilnehmen. Dieser war Teil des internationalen Begegnungsprogramms Erasmus-Plus. Für Samir ein Befreiungsschlag. Zurück im JMD berichtete er den jmd2start-Beraterinnen: „Ich bin euch sehr dankbar. Ich hatte viele Probleme, aber jetzt fühle ich mich frei. Ich hatte eine tolle Zeit und meine Kopfschmerzen sind auch weg.“ Aber welche Perspektiven hat er auf lange Sicht? Ab September kann er an einem neuen Sprachkurs teilnehmen, der auch für Personen mit sechsmonatiger Aufenthaltsgestattung offen ist.

Theaterworkshop – die eigenen Talente entdecken

Es gibt noch weitere Gründe, warum die Embassy in den vergangenen Monaten zu einem beliebten Ort geworden ist: Die jungen Menschen erhalten hier nicht nur Beratung und Deutschunterricht, sondern sie können sich ausprobieren und ihren Talenten nachgehen. Was liegt näher als Theaterspielen?

Lea Markard hat in den letzten Monaten bereits sechs Workshops für junge Flüchtlinge organisiert. Ein Regisseur und ein Dramaturg des Theaters führen die zweistündigen Kurse gemeinsam mit ihr durch. Für zehn junge Menschen bedeutet das: Beobachten, den eigenen Körper intensiv wahrnehmen, Vertrauen in eine Gruppe aufbauen, sich in viele verschiedene Gefühle hineingeben und sie darstellen. Ganz fern vom Alltag im Camp. Das entspannt und bringt Spaß.

Auch Mohammad* ist dabei. Er ist 17 Jahre alt, stammt aus Syrien und lebt in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Er fragte beim Thalia Theater an, weil er gern schauspielern wollte. Lea Markard lud ihn zum Workshop ein. Anfangs war er sehr schüchtern und zurückhaltend. „Als ich zum ersten Mal zum Workshop kam, konnte ich abends nicht einschlafen. Ich war so aufgeregt und voll Freude“, berichtet Mohammad. Sobald er spielen kann, ist er ganz in seinem Element. Kein Wunder, dass er mit so viel Motivation inzwischen sogar auf der großen Bühne steht. Im Theaterstück „Moby Dick“ spielte er als Statist in der Schiffsmannschaft mit.

Für die jmd2start-Mitarbeiterinnen liegt es an der Breite der Angebote und der Atmosphäre, warum der Zugang zu den jungen Menschen so leicht gelingt: „Sie fühlen sich hier ernstgenommen und können sich auch mit ihren Talenten zeigen. Es geht in der Beratung natürlich oft um Formulare, Unterstützungsmaßnahmen und Termine. Gleichzeitig aktivieren die künstlerischen Angebote andere Seiten der jungen Menschen – sie sind Musiker, Darsteller, Kreative. Das macht eine Begegnung auf Augenhöhe leichter möglich.“

 *Namen geändert.