Aus der Praxis

Im Ortenaukreis im Schwarzwald hat sich, wie in vielen Regionen, einiges verändert, seit im vorigen Jahr viele geflüchtete Menschen nach Lahr kamen: Über 4.000 Menschen fanden hier eine neue, vorläufige Heimat. Hinzu kommt eine beträchtliche Zahl an Migrantinnen und Migranten, die in den letzten Jahren in den idyllischen Südwesten zugezogen sind und Unterstützung bei Fragen suchen. Der Jugendmigrationsdienst (JMD) Lahr ist ein wichtiger Akteur der Integrationsarbeit vor Ort: „Wir haben 70 bis 80 Besucherinnen und Besucher pro Woche, davon circa 40 intensivere Beratungsgespräche“, erklärt Felix Neumann vom JMD Lahr. Als das Projekt jmd2start im vorigen Jahr an den Start ging, wurde schnell klar: Mit Kreativität und guter Netzwerkarbeit lassen sich hier Maßstäbe setzen.

Lahr, das 43.000-Seelen-Städtchen im Breisgau besticht vor allem mit einer grandiosen Landschaft, vielen schön erhaltenen Häusern und im Herbst mit einer Chrysantemen-Show in der Innenstadt. Auch in diesem Jahr findet wieder die „Interkulturelle Woche“ statt, in deren Rahmen sich viele der engagierten Gruppen einer interessierten Öffentlichkeit vorstellen.

An dieser Stelle kommt „together as one“ ins Spiel. Über neun Monate hatte das Projekt des Jugendmigrationsdienstes in sechs verschiedenen Workshops Aktivitäten für junge Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten sowie deutsche Jugendliche organisiert. Bis zu 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus u.a. Eritrea, Syrien, Nigeria, Afghanistan, Kosovo und Gambia tanzten, malten, rappten, fotografierten und entwickelten eine Geocaching-Rallye für Lahr. Beim Abschlussfest gab es also einiges zu sehen, zu hören und über die Arbeit hinter den Kulissen zu erfahren. Ort des Geschehens an diesem kalten Abend war der Schlachthof Lahr. Der ehemalige Metzgereibetrieb ist seit 2001 ein Jugendkulturzentrum. Ein Ort, der allen Jugendlichen vor Ort offen steht und sie zusammenbringt.

Raus aus dem Camp, rein ins Projekt

„Beratung, Wohnungssuche, einen Ausbildungsplatz finden - all das gehört natürlich zu unserer Arbeit mit den Ratsuchenden des Jugendmigrationsdienstes“, erklärt Felix Neumann. „Aber was den Menschen auch fehlt, ist Kontakt zu Leuten außerhalb vom Camp.“ In Lahrer Gemeinschaftsunterkünften leben derzeit knapp 700 Menschen auf sehr engem Raum, davon 340 im Camp des Lahrer Flughafens. Ein Projekt sollte also entstehen, das junge Migrantinnen und Migranten, die neu angekommenen Flüchtlinge und auch deutsche Jugendliche zusammenführt. „Ankommen durch Einbeziehung“ ist daher eines der Zauberworte, die man immer wieder hört. In einem Workshop mit „coolen Leuten“ sollte soziale Integration am Anfang stehen. Denn dann geht es auch mit dem Sprachelernen viel einfacher.


Viele Ideen schwirrten durch die Köpfe der JMD-Teamer; mit einem bewilligten Projektantrag über 8.000 Euro wurden sie auch möglich. Mehrere Workshops standen zur Wahl, darunter ein Stuhlde-sign-Projekt. Gaby Moser aus dem JMD-Team hatte alte Stühle bei einem Second-Hand-Händler erstanden, und auch die Stühle im JMD-Büro konnten einen neuen Anstrich gebrauchen. „Eine Künstlerin hat uns geholfen, und die Leidenschaft, die die junge Leute an den Tag legten, war schon genial“, schwärmt die Sozialarbeiterin noch heute. Einige der Kunstwerke sind am Rande des „together as one“-Festes zu sehen. Doch wie viel Liebe im Detail steckt, merken wohl die wenigsten Besucher – ihnen geht es an diesem Abend um die darstellende Kunst, die gleich auf der Bühne zu sehen sein wird.

Dabei steht ein Mann mit im Vordergrund, der in seiner alten Heimat schon Musiker war und jetzt hier neu Fuß fassen will. Der 27jährige Yaya Singhateh spielte im westafrikanischen Gambia Reggae, aber im Hiphop-Workshop des JMD-Projektes wollte er sich gemeinsam mit Gleichgesinnten neu ausprobieren. Wie toll das geklappt hat, beschreibt er so: „Musik bringt uns zusammen. Da gibt’s keine Sprache, deshalb haben wir uns wunderbar verstanden.“ Issa Assad aus Syrien bestätigt das, obwohl Sprache nicht sein Problem ist - er spricht nach wenigen Monaten im Land schon erstklassig Deutsch. „Rap ist meine Lieblingsmusik“, erzählt er. „Und über die Musik haben wir uns richtig gut kennen gelernt.“

Workshop-Zutaten: die richtigen Themen – coole Leute - professionell angeleitet

Und das kann man hören! Zum Song, den das interkulturelle Team selbst getextet und komponiert hat, entstand sogar ein Video, das Felix Neumann am Festabend zeigt. Jeder Teilnehmer durfte eine Strophe beisteuern, und so rappen die Jungs über ihre Heimat und die Strapazen der Flucht, über das Ankommen in der Fremde und über ihre Hoffnungen. Und immer wieder kommt raus: „Zusammen sind wir eins.“ Nicht in jeder Gruppe entstanden sofort Freundschaften, aber die Kontakte blieben auch, nachdem das Lied in einem professionellen Musikstudio aufgenommen worden war. Trotz seiner neuen Leidenschaft für Hiphop zieht Yaya aus Gambia dann beim Abschlußabend auf der Bühne doch noch mal alle Register und bringt die Halle zum Rocken, als er ein paar Songs aus seinem Reggae-Repertoire zum Besten gibt.

„Genau das wollten wir erreichen“, erklärt Felix Neumann. Er weiß, wie man so was anpackt, denn gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Till bildet er das HipHop-Duo „Zweierpasch“, das den Work-shop seine professionelle Note verlieh. Zweierpasch versteht sich nicht nur als Band, sondern auch als Bildungsinitiative, die sich für gesellschaftspolitisches Engagement und interkulturellen Austausch in einem friedlichen Europa einsetzt. Die Brüder waren schon in Europa und Afrika auf Tournee, demnächst steht eine Tour durch Kasachstan an.

Und so geht es weiter im kunterbunten, abendlichen Abschlussprogramm. Bilder werden gezeigt, die in einem Mal-Workshop entstanden sind. Mit viel Kreativität haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Visionen ihrer ganz persönlichen Zukunft dargestellt. In einem Fotoworkshop für Handy-Kameras haben junge Flüchtlinge gemeinsam mit deutschen Jugendlichen einen Tag lang in einem der beliebtesten Parks von Freiburg sich selbst, ihre Gegenüber und ihre Umgebung fotografiert. Wer weiß, wie wichtig Fotografie für die Identitätsdarstellung ist, der ahnt, wie tief auch dieser vermeintlich simple Kurs für die Jugendlichen gegangen sein mag.

 

Die Chance von Gruppenangeboten

„Bei allen Einzelprojekten muss man immer wieder sagen, dass wir natürlich sehr privilegiert waren mit dem Zuschuss der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit“, erklärt Felix Neumann rück-blickend. Den Eigenanteil von 2.000 Euro hatte das Diakonische Werk Ortenau gestellt – und mit sehr viel ehrenamtlichem Engagement sind Workshops entstanden, die wichtig sind und als Pilotprojekte auch in anderen Einrichtungen der Jugendsozialarbeit Beachtung finden sollten. „Es gibt ja leider kaum Geld für Gruppenangebote mit Flüchtlingen“, sagt Neumann etwas wehmütig. „Aber gerade diese Arbeitsform bringt die Jugendlichen natürlich raus aus ihrem Alltag und eröffnet neue Horizonte.“

Wobei das JMD-Team nicht leugnet, dass es oft schwierig ist und gute Nerven braucht, um immer wieder alle Beteiligten zusammen zu bringen. Da muss man oft noch am gleichen Tag potentielle Interessenten anrufen und die Leute erinnern, persönliche Gespräche führen und am besten die Teilnehmenden mit dem Auto abholen. „Es ist ganz wichtig, dass die Kooperationspartner wissen, worauf sie sich einlassen“, erzählt Gaby Moser ernst. Pünktlichkeit ist ein schwieriges Thema, Zuverlässigkeit und Durchhaltevermögen auch. „Man muss oft einfach gelassen bleiben.“

Eigene Grenzen und neue Horizonte

Neue Horizonte sind das Ziel, aber gibt es auch Grenzen des Machbaren? Neumann lächelt und nickt. Beispielsweise in dem sehr gut besuchten Tanzworkshop, den das professionelle Team von „Szene 2wei“ durchführte: Hier konnten einige anfangs Interessierte offensichtlich nicht mit den deutschen Teilnehmenden aus einer Behindertengruppe umgehen und brachen ab. „Da gibt es wohl Grenzen gerade auch der Körperlichkeit“, erklärt Team-Mitglied Gaby Moser. Dafür haben andere umso mehr davon profitiert. Mohammed Hoto aus Syrien, der auch schon in seiner alten Heimat in Tanzgruppen aktiv war, fühlte sich in dem Workshop sehr gut aufgehoben. Der 22-jährige fand die ungewohnten Tanzeinlagen, das Arbeiten mit Menschen aus allen Ländern und die Möglichkeit „Tanz als Sprache“ zu erfahren umwerfend. „Ich wünschte, es gäbe mehr solche Workshops“ erklärt er in erstklassigem Deutsch. Eben um Barrieren zu überwinden, den Umgang mit Rollstuhlfahrern zu lernen und die Furcht vor dem öffentlichen Auftritt zu meistern.

Womit wir fast am Ende des Abends angelangt wären. Gerade spielt „Project One“ – die frisch ge-gründete Band. JMD-Mitarbeiterin Inese Freija-Neimane hatte Sängerinnen aus dem Kosovo und aus Lettland, einen Sänger von den Philippinen sowie einen Gitarristen aus Australien zusammen getrommelt. Stimmungsvolle Liebeslieder, fetzige Rocksongs und natürlich jede Menge Hiphop zeigten, was junge Menschen über Grenzen hinweg gerne hören.

Wie war das noch? „Wenn man so professionell arbeiten darf, dann ist das schon eine Kirsche auf einer eh schon sehr bunten Torte“, hatte Felix Neumann vor einigen Stunden erzählt. Die Torte, die das Projekt „together as one“ in Lahr backen durfte, ist in der Tat sehr bunt und fantasievoll geraten. Eine internationale Kreation, die zeigt, dass Kunst und Kultur Menschen verbindet und trotz aller Schwierigkeiten wunderbare Erfolge zustande bringt. „Als wir das Projekt beantragt und vorgestellt haben“ berichtete Neumann, „hat uns die Landesarbeitsgemeinschaft gesagt ‚Ihr dürft auch scheitern’. Aber wir sind nicht gescheitert. Ganz im Gegenteil!“

In Lahr liegen schon die nächsten Anträge auf dem Tisch, denn es gibt viel zu tun, und den Weg zu beschreiten macht Spaß.



Zum Nachahmen empfohlen: Ein interkultureller Geocache für Lahr

„Wir basteln uns einen Geocache“ war das unausgesprochene Motto des Workshops für die digitale Schatzsuche per GPS. Auch außerhalb von Lahr sollten sich SozialarbeiterInnen das Projekt genauer ansehen.

Felix Neumann hatte interessierte Flüchtlinge wie den 17jährigen Issa Assad aus einer Vorberei-tungsklasse und die 10. Klasse eines Gymnasiums für das Projekt begeistert. Das Kreismedienzentrum stellte Tablets und technisches Wissen. Sieben Teamtreffen brauchte es, bis der Geocache für das Städtchen stand. Natürlich mussten sich alle Beteiligten erst mal technisch „klug machen“, aber dann „ging das Programmieren über die App Actionbound ganz flott“. In einem nächsten Schritt suchten die Kursteilnehmer interessante Anlaufpunkte in Lahr aus und recherchierten über Lage und Besonderheiten. Wo kann man ein Cache verstecken, was gibt es als Belohnung? Inzwischen steht die App beziehungsweise der Barcode im Internet bereit (https://de.actionbound.com/bound/lahrentdecken) und lässt sich in einer dreisprachigen Anleitung ganz leicht bedienen und nachspielen.

 

Steckbrief Projekt jmd2start-Geocache

  • Projektdauer: 2 Monate
  • Teilnehmerzahl: 6 bis max. 20 Personen
  • Partner: Kreismedienzentrum, Gymnasium
  • Voraussetzung: Technisches Interesse, Zugang zu min. 2 Computern sowie Smartphones oder Tablets
  • Besonderheit: offenes Angebot / Orientierung vor Ort / peer2peer